Die Katzen haben ihn dazu gezwungen

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Hylas und die Nymphen von John William Waterhouse

Das deutsche Musikprojekt Samsas Traum findet zu alter Stärke zurück. Nach zehn Jahren auf Sparflamme legt Vota Tenebris I die Messlatte für den Output der Band so hoch wie schon lange nicht mehr. Aber reicht das?


Als eine von gefühlt dreißig verbliebenen Die-Hard-Fans der deutschen Goth-Metal-Wasweißich-Combo Samsas Traum habe ich die vergangene Dekade in einem erweiterten Dämmerschlaf verbracht. Nach dem Release des musikalischen NS-Mahnmals Poesie: Friedrichs Geschichte im Jahr 2015 war Band-Chef Alexander Kaschte vor allem damit beschäftigt, als Autor und Verleger einen mutigen Vorstoß in die Welt der Bücher und Comics zu wagen. Das zog ein paar gute und viele weniger gute Veröffentlichungen nach sich, entwickelte sich jedoch bei aller Mühe nie zu einer kohärenten ästhetischen Erfahrung abseits der Musik. Auf dem Papier wurden während dieser Zeit zwei Alben veröffentlicht, aber Kalk war für mich immer eher eine überlange, wenn auch ziemlich gute EP und je weniger Worte wir über die Midlife-Crisis namens Scheiden tut weh verlieren, desto besser für uns alle (irgendwann werde ich mich darüber auskotzen müssen, aber das ist ein anderes Thema für einen anderen Tag). Das Projekt Samsas Traum existierte in dieser Zeit eher verwaltend statt gestaltend, ein bisschen auf Autopilot. Dennoch gab es, beispielsweise mit dem Soundtrack zu Suspiria: Wo die Seleen sterben und dem Trauma Tape immer wieder Veröffentlichungen, die mich davon überzeugen konnten, dass der kreative Funke noch da ist.

Neben der heiß erwarteten Vaporware Tineoidea II waren in dieser Zeit diverse weitere Alben in der Mache. Eines davon war das 2021 gestartete "Wunsch-Album" (OGs remember 14-Tage-Projekt), bei dem Fans Song-Patenschaften übernehmen und sich Stücke wünschen durften, nach dem Motto: "Ich hätte gern einen Song wie (...), im Text soll es um (...) gehen." Spannende Sache, denn einerseits ist so eine Aktion natürlich die Wahnsinns-Gelegenheit, sich als Fan im Band-Kosmos zu verewigen, andererseits sollte es Alexander Kaschte nach eigener Aussage auch eine Möglichkeit bieten, innerhalb grober Vorgaben schneller und iterativer zu arbeiten und auf diese Art Songs zu kreieren, ohne sie zu "zerdenken". Das ist fünf Jahre her – ein kleines bisschen zerdacht wurde also möglicherweise doch. Aber die Uhren ticken bei Samsas Traum eben etwas langsamer und gut Ding will Weile haben. Die Arbeitsversionen, die ich im vergangenen Spätsommer bei einem Fan-Treffen hören konnte, ließen bereits Großes erahnen – ich erinnere mich sehr genau daran, bei einem Song laut aufgelacht und bei einem anderen mittendrin applaudiert zu haben. Gute Vorzeichen en masse.

Die Promo-Phase zur Bewerbung des Albums war dann über weite Strecken eher anstrengend als Vorfreude schürend, was einerseits daran liegt, dass Alexander Kaschte auf Facebook ungefähr so postet, wie man es von Menschen erwartet, die im Jahr 2026 auf Facebook posten, zum anderen aber auch an der regen Nutzung von KI-generierten Werbemitteln. Ich weiß nicht, was genau es GenX-Männern um die 50 physisch unmöglich macht, diesen Tools nicht zu erliegen. Vielleicht ist es der Wunsch, am Puls der Zeit zu bleiben, nicht zu wirken wie altes Eisen, aber in der Praxis hat es den genau gegenteiligen Effekt: Die zahlreichen Social-Media-Beiträge dieser Art lösten bei mir in den vergangenen Monaten dasselbe Gefühl aus, wie wenn meine Schwiegermutter zu jedem noch so banalen Anlass hässliche DALL-E-Tierbilder in die WhatsApp-Familiengruppe schickt (sorry, Schwiegermama – I love you). Das ist natürlich besonders ironisch, wenn Kaschte sich zur Bewerbung der Vorab-Single Der Riss in deiner Stimme zum Mahner und Bewahrer des Intellekts aufschwingt, Klassiker dystopischer Literatur empfiehlt und den Menschen mehr Aufmerksamkeit und Weitsicht predigt, während er gleichzeitig die Social Feeds mit Un-Kunst aus der libertären Schrott-Maschine verstopft. Mixed messages, dude. Hier wäre der Samsas-Traum-Markenkern "Anti" endlich mal wieder sinnvoll investiert gewesen – eine klare Positionierung für menschengemachte Werke und gegen ihre automatisierte Verkrempelung. Ein Mann wie Alexander Kaschte, der normalerweise recht präzise in gesellschaftliche Wunden sticht und dem auch der kleinste Haken nicht zu schade zum Draufbeißen ist, müsste hier doch kritisch über den massenhaften Diebstahl geistigen Eigentums sprechen, die turbokapitalistische Wegrationalisierung von (nicht nur) kreativen Jobs auf Basis fragiler Tech-Heilsversprechen oder doch mindestens über die singulären Umweltauswirkungen, die mit dem massenhaften Bau und Betrieb von KI-Rechenzentren einhergehen. Es ist wirklich verkehrte Welt: Von allen Künstler*innen, die ich regelmäßig höre, hätte ich von ihm am ehesten klare Kante erwartet – erst recht nach einem Jahrzehnt im Comic-Business. Ich verstehe wirklich nicht, wie jemand, der sonst vor lauter Rückgrat kaum laufen kann, hier so widerstandslos einknickt. Alex, if you're reading this: Du bist zu gut für diesen Scheiß. Ich hoffe, das war fair und friedlich genug.

Durch seine Natur als "Wunsch-Album" fällt Vota Tenebris I zwangsläufig recht heterogen aus: Gemütliche Stücke mit Bauchstreichel-Faktor, orchestrale Epen, düstere Todessehnsucht-Songs, Party-Nummern und politisch-kritische Tracks geben sich hier die Klinke in die Hand und sorgen für eine wilde Achterbahnfahrt, die beim ersten vollständigen Hören den Eindruck erweckt, dass hier jemand die undankbare Aufgabe hatte, elf voneinander unabhängige Singles mit extrem unterschiedlichen Vibes in eine halbwegs verdauliche Reihenfolge zu bringen. Das wird gestählten Samsas-Traum-Hörer*innen bestenfalls ein müdes Lächeln entlocken, denn bereits ein paar Platten aus der "Middle Era", allen voran 13 Jahre lang dagegen, waren (zumindest textlich) bereits ähnlich schwindelerregend aufgestellt; ich wäre allerdings wirklich gern Fliege an der Wand, wenn jemand Vota Tenebris I vollkommen unvorbereitet als Erstkontakt mit dieser Band hört und von mehr Stimmungsschwankungen überrollt wird als ich in den ersten zwei Monaten HRT.

Ein übergreifendes Kompliment muss ich direkt vorweg nehmen, und ich formuliere es so musikmagazinig, wie ich nur kann: Die Abmischung ist fett. Wenn man sich Vota Tenebris I anhört und direkt danach einen Track von älteren Scheiben wie 13 Jahre lang dagegen oder Anleitung zum Totsein, wirkt im Vergleich alles viel dichter, drängender, voller. Alle Songs kommen wuchtig daher, ohne dass dabei einzelne Spuren bzw. Instrumente absaufen oder man das Gefühl hat, dass einfach alles auf Anschlag gedreht wurde (die Akustikgitarre, die in der zweiten Strophe von Die Fratze meiner Einsamkeit einsetzt, ist hier mein Go-To-Beispiel: zurückhaltend, aber doch sehr präsent). Der Abstecher in die Abbey Road Studios hat sich also gelohnt, denn Samsas Traum klangen – ordentliche Anlage oder Kopfhörer vorausgesetzt – noch nie so hochwertig und professionell wie hier.

Der zweite durchweg positive Aspekt ist Juliane Köbe, die auf einem Großteil der Tracks mal mehr, mal weniger prominent unterstützt und damit seit Utopia von anno 2001 zum ersten Mal wieder durchgängige female vocals auf einem Album ermöglicht. Ich war nach den beiden etwas zu braven Cover-Songs In The Year 2525 und Moonlight Shadow gespannt, wie ihre Stimme sich in den Sound originaler Kompositionen einfügt und siehe da, es passt wie Arsch auf Eimer. Heut wird er umgebracht und Der Riss in deiner Stimme zeigen das besonders gut und auch wenn ich Alexander Kaschtes hausgemachten Gesangsstil wirklich liebe, ist diese wandlungsfähige Extra-Stimme eine willkommene Bereicherung im Samsas-Traum-Klangkosmos. Bitte beibehalten!

Ich habe mit mir gerungen, ob ich wirklich jeden Song einzeln besprechen oder doch lieber meine übergeordneten Eindrücke erörtern sollte. Song-by-Song-Reviews gelten ja zurecht nicht unbedingt als Königsklasse des kulturkritischen Schreibens. Aber dann sind mir folgende vier Dinge eingefallen: Erstens ist das hier mein Blog und ich kann hier tun und lassen, was ich will (schönes Gefühl übrigens – Leute, macht weniger Social Media und macht wieder mehr eigene Websites! learn to code if you must!). Zweitens würde ich so oder so auf jeden Song im Detail zu sprechen kommen, weil mehr als zwei Jahrzehnte Fan-Sein es mir gar nicht anders erlauben. Drittens müssen wir stellenweise auch im Detail dort hingehen, wo es (mir) weh tut. Und viertens hat dieser Text dann eine einigermaßen kontrollierbare Struktur anstelle von gar keiner. Alle gewinnen hierbei, vor allem ich.

Spoiler für Eilige: Es ist ein gutes Album und wenn ihr euch vom ersten Hören überraschen lassen möchtet, könnt ihr es jetzt auf einem Musikdienst eurer Wahl ansteuern. Alle anderen lesen weiter. Let's do this.


Runde Robbe im Gruppenbild mit "Vota Tenebris I". Sie blickt vorsichtig auf die CD.
Runde Robbe ist interessiert, aber skeptisch.

Heut wird er umgebracht eröffnet Vota Tenebris I und etabliert sich umgehend als einer der archetypischsten Songs des Albums. Das nautische Drama, das hier stattfindet, zeigt einmal mehr die Stärke der Band, literarische oder märchenhafte Stoffe in Musikform zu gießen. Ein Seemann, der Frauen kidnappt, die ihn an seine verblichene Liebe erinnert – fast erinnert man sich, so etwas mal als Kind oder später in der Schule gelesen zu haben. Der Song klingt herrlich nach Schlechtwetter, man spürt geradezu, wie da jemand im Wahn gegen den Sturm ansegelt auf seiner ebenso end- wie sinnlosen Mission, während die Musik aufjault und überschwappt. Der vergleichsweise ruhige Refrain zeigt uns den emotionalen Kern des Protagonisten, der das Meer um und in ihm kurz beruhigt, bevor es wieder losbricht. Im Klimax des Songs kommt es dann zur Machtumkehr und die Gefangenen rächen sich an ihrem Peiniger. Ein Song, bei dem man die Robbert-Eggers-Verfilmung schon fast sehen kann, wenn man an ihm riecht. Charaktere, die nicht mehr zu retten sind, verkörpert Alexander Kaschte oft und gern und mit viel Overacting, das bei allem Ernst immer auch ein bisschen Spaß macht. Textlich sehen wir hier ein paar coole Lines, insbesondere in der für Samsas Traum charakteristischen Sprechgesang-Bridge, auf die ich mich mit jedem neuen Album wieder freue: "Die Gischt formt Krallen, speit Gesichter, zaubert Fratzen / Trau keiner Frau, nein, nirgendwo / Auch keinen schwarzen Katzen".

Bei allem Flow (und davon gibt es wahrlich nicht wenig) stolpert man auf Vota Tenebris I aber auch immer mal wieder über verkopfte Worte und Wortschöpfungen, die mich mal mehr, mal weniger aus den Songs rausholen. Als mir also beim "Frauenknäuel" ein wenig die Augenbraue hochging, sollte es das erste, aber nicht das letzte Mal gewesen sein. Ich verstehe ja, was er hier beschreiben will, aber das ist so ein ungelenkes Wort in einem ansonsten sehr eleganten Text, dass es einen ein bisschen ohrfeigt. Das passiert nicht oft, es gibt vielleicht eine Handvoll Momente auf dem gesamten Album. Aber gerade, weil die Lyrics ansonsten sehr fein geschliffen sind, sorgen diese kurzen Momente dann umso mehr für eine Sekunde der Irritation. Das tut dem Song aber insgesamt keinen Abbruch und ich mag ihn tatsächlich mit jedem Hören ein bisschen mehr, was vermutlich auch mit meiner generellen Schwäche für Seefahrergeschichten zu tun hat. Solider Auftakt.

Leitstern, die erste Vorab-Single, hatte bei mir zunächst einen schweren Stand. Das Sample, das ich seit meiner Jungend eng mit dem testosterontriefenden WerWieWas verbinde, störte bei jedem Hören und die Live-Darbietungen der vergangenen Jahre haben mir den Song ebenfalls nicht unbedingt schmackhaft gemacht, er klang immer ein bisschen schleppend und schwach auf der Brust. Die Studioversion behebt zumindest diesen Mangel (Wumms-Abmischung sei Dank), was ihn natürlich nicht weniger gefällig macht. Mein erster Instinkt war damals, ihn irgendwo im Bereich Hausfrauen-Gothic einzuordnen, aber das hat Leitstern trotz aller Zugänglichkeit nicht verdient. Denn a) ist es nicht der poppigste Song der Platte, b) ist es auch nicht der bestgelaunte Song der Platte und c) hat er einen grundsympathischen Kern, den ich ihm nicht aberkennen kann. Der kleine instrumentale Delay mit Schmuse-Gitarre nach dem ersten Chorus ("der Igel-im-Nebel-Trick") versöhnt mich am Ende irgendwie doch, ebenso wie die richtig starken Strophen mit Banger-Zeilen wie "Am Anfang war ich lauter, stärker, größer / Am Ende bin ich klein". Der (Pre-)Chorus fällt dagegen etwas ab und spielt auf einer sehr sicheren Position. Aber ich will nicht klagen, denn gerade ein so bunt gemischtes Album benötigt diese Art von Anker (man könnte fast sagen: diese Art von Leitstern); einen Song, den man absolut jedem vorspielen kann und auf den sich irgendwie alle einigen können. Brutal gesagt ist es der langweiligste Song des Albums, aber das ist nicht schlecht, denn er ist ja schön gemacht, er klingt schön und es ist doch schön, dass alles so schön ist. Manchmal braucht man womöglich genau das.

Mit Scheiße ohne dich verlässt das Album seine Komfortzone für eine mittelwilde Party-Nummer. Wenig überraschend liebe ich es, wenn Künstler*innen ihre Komfortzone verlassen (müssen) und hier wird sich so weit aus dem Fenster gelehnt, dass man kurz davor ist, die Feuerwehr zu rufen. Das Stück wäre organisch, sprich ohne das Konzept Wunsch-Album, niemals in dieser Form entstanden (behaupte ich mal frech) und es ist auf eine befremdliche Art amüsant, wenn Alexander Kaschte, der unheimliche Mediator des Unbekannten, mit großer Sanftheit darüber singt, wie sehr ihn eine Freundschaft erfreut, in der man sich ohne Angst alles gegenseitig sagen kann. Das wird nur noch getoppt von der zweiten Strophe, in der Juliane Köbe einen streckenweise derart zuckersüßen Text vorträgt ("Es gibt dich – Du glaubst an mich / Wenn ich nicht mehr an mich glaube"), dass man kurz nachschaut, ob man anstelle des neuen Samsas-Traum-Albums nicht vielleicht gerade versehentlich den deutschen Soundtrack der ersten Digimon-Staffel abspielt.

Im ersten Teil der Bridge ("Es gibt so viele Dinge ...") breche ich immer ein bisschen ab, weil Kaschte sein Freundschafts-Geständnis hier vorträgt wie im Deutsch- oder Gesangsunterricht und wirk-lich ü-ber-deut-lich je-de Sil-be mitnimmt. Das ist cool und angemessen in, keine Ahnung, Der Flammen Glanz im Haar, aber hier hätte etwas mehr Schnoddrigkeit dem Gesamteindruck gut zu Gesicht gestanden. So wirkt es eher, als müsste er sich wahnsinnig Mühe geben, etwas Nettes zu sagen, was aber ja irgendwie auch wieder sehr on brand ist. Dafür kriegt mich der zweite Bridge-Teil mit dem Zebrakostüm jedes einzelne Mal. Was soll ich sagen, ich bin easy prey. Die größte Schwäche des Songs ist, dass er nicht schnell genug zu Potte kommt und sich auch nicht so recht traut, im letzten Drittel komplett zu eskalieren. Der kalkulierte und sehr exakt gesetzte Samsas-Traum-Sound entpuppt sich hier, möglicherweise zum ersten Mal in dreißig Jahren Bandgeschichte, als echtes Hindernis. Eine gewisse Ufftata-Steifheit, die bei Grüß Gott, wir sind die Morlochs noch eindeutige Absichtserklärung war, wirkt bei Scheiße ohne dich eher wie ein Versehen. Was ich sagen will: Alles hieran schreit geradezu nach einem gekürzten und auf den Punkt geschliffenen Malle-Suff-Edit (ich denke da an zwei Minuten und fünfzig Sekunden), der mindestens nochmal doppelt so steil geht wie die Album-Version und idealerweise aufgenommen wird, während die Band im Studio komplett besoffen ist. So oder so ist das Stück aber dafür prädestiniert, bei Live-Shows (was für Live-Shows?) abgefackelt zu werden und könnte sich potentiell als Fan-Favorit etablieren.

Der Ruf des Cthulhu, dessen viel coolerer Arbeits-/Alternativtitel Ein Traum, der an Augen zerschellt der eigentliche und einzige Titel hätte sein müssen, ist für mich der Tiefpunkt des Albums und ein schönes Beispiel dafür, wie das Konzept "Fan-Wunsch" auch gewaltig schiefgehen kann, wenn er entweder zu speziell ausfällt oder auf Künstler*innenseite die Leidenschaft für das Material nicht gegeben ist. Ich persönlich habe den Eindruck, dass hier beides der Fall war. Dabei ist die Idee, mit einem Hörspiel-Segment zu starten, ja erstmal gar nicht verkehrt: Die Stimmung wird perfekt gesetzt, das Voice Acting ist herrlich drüber, man kann es bereits beim zweiten Mal mit angemessen dramatischer Mimik mitsprechen und in meinem Kopf entsteht umgehend eine fiktive Lovecraft-Kinder-Fernsehserie, die sich stilistisch aus irgendeinem Grund unheimlich nahe an Bob Morane bewegt.

Doch was sich hier bedrohlich aufbaut wie ein mindestens zehnminütiges Schlachtfest, entpuppt sich am Ende als Luftnummer. Diese unheilvollen ersten Verse, mit denen der eigentliche Song startet? Das ist der Song. Danach kommt nichts mehr! Das gemeinhin bekannte "Es ist nicht tot / Was ewig liegt" als Quasi-Chorus ist dann vielleicht auch etwas zu naheliegend, um mehr zu sein als pflichtschuldiges Abarbeiten von Lovecraft-Versatzstücken. Und der Spoken-Word-Part ("O Cthulhu, du infernalischste Kraft aller Kräfte ..."), auf dem der Song dann etwas kraftlos ausläuft, wirkt auf mich auch eher wie Filler, um zu kaschieren, dass es sich hier um zweieinhalb Song-Skizzen handelt, die an den Enden zusammengenäht wurden. Und ehrlich, ich verstehe es. Denn was will man in der Kürze der Zeit auch groß rausholen? Es gibt Dutzende Künstler*innen, die diesem Typen und seinen Stories ganze Konzeptalben gewidmet haben, und seien wir ehrlich: Was die meisten Bands in sechzig Minuten nicht schaffen, schafft dieser Song verständlicherweise nicht in unter fünf.

Das Stück hätte es bei mir so oder so nicht leicht gehabt, da ich mich null komma Periode null für Lovecraft interessiere – ich muss ihm indirekt für Bloodborne danken und das war's dann auch – aber der Umstand, dass es erst ewig braucht, um wirklich zu starten und dann auch schon wieder in sein Ende zerfasert, wenn man gerade das Gefühl hat, wirklich drin zu sein, weckt in mir Erinnerungen an den schlechtesten Sex meines Lebens. Ich mache es kurz und schmerzlos: Manches sollte liegen bleiben, auch wenn es biologisch gesehen noch nicht tot ist.

... okay, Pause. Nach dieser kurzen Durststrecke (oder einer längeren, falls man Scheiße ohne dich im Kopf nicht aushält, weil man too goth for this shit ist) haben wir das Gröbste überstanden. Bei allen positiven Gefühlen: Dieses Album hat eine erste Hälfte, die sich seltsam und bisweilen etwas mühselig anfühlt, was vor allem daran liegt, dass die beiden Hit-or-Miss-Tracks auf Position 3 und 4 direkt hintereinander kommen und man sich, wenn die letzten Cthulhu-Beschwörungsformeln verklingen, bereits nach der kompakten Einfachheit eines Leitstern zurücksehnt. Sagte ich, dass ich aus der Komfortzone raus will? Ganz ehrlich, vielleicht will ich wieder rein. Das ist kein Spaß mehr – lassen Sie mich bitte wieder rein.

Mein Punkt ist, dass die Platte so ungefähr in der Mitte (und ich meine wirklich in der Mitte, also praktisch ab der zweiten Hälfte von Die Fratze meiner Einsamkeit) erst so richtig ihr Tempo findet und man die Songs, um mal diese doofe Phrase zu bemühen, ab dort "gut weghören" kann. Das meine ich gar nicht im Sinne leicht oder schwer verdaulicher Musik, denn sowohl Leitstern als auch der jetzt folgende Track sind nun nicht gerade komplexes Material, sondern im Sinne eines stimmigen Gesamteindrucks. Ich erwische mich regelmäßig wieder dabei, wie ich Vota Tenebris I ab Track 5 starte und das muss ja irgendwas heißen. Die eingangs erwähnte Herausforderung, diese sehr unterschiedlichen Songs einigermaßen sinnvoll zu sortieren, ist aus meiner Sicht also nicht ganz gelungen, allerdings wüsste ich fairerweise auch nicht, ob es hier überhaupt eine optimale Reihenfolge gibt, die alle Geschmäcker zufrieden stellt. Vermutlich nicht.


Schattenfalter knallt. Ich sag's, wie's ist. Das ganze Ding hat den Vibe einer dieser einzelnen Songs, die auf Endstation.Eden und als Teil der Re-Releases bis einschließlich Tineoidea auf den Bonus-CDs zu finden waren. Mein einsamer Favorit aus dieser Zeit ist Ein Herz und eine handvoll Asche, an den ich beim Hören dieses Tracks immer wieder denken muss. Das erfüllt mich natürlich mit sehr vielen Erinnerungen, zum Beispiel an den ersten Liebeskummer, unprofessionellen Umgang mit Akne, verkackte Mathe-Klausuren, sichtlich bemühte Lektüre philosophischer Bücher während der großen Pause, erste heimliche Programmier-Gehversuche am Familien-Computer und viel zu lange Zugfahrten durch Deutschland und Österreich, die stets mit Narrenspiel im Ohr begannen und ebenso unvermeidlich mit Der Fährmann endeten (das habe ich immer relativ sekundengenau getimet und fand es cool; meine Entschuldigung an dieser Stelle ist, dass ich 15 war). Eine faszinierende und beschissene Zeit, aus der ich viele wichtige Lektionen mitgenommen habe und die ich auf keinen Fall nochmal erleben möchte. Schattenfalter ruft das scheinbar endlose Potential dieser Jahre ab und versöhnt mich auch ein bisschen mit ihnen. Ja, man muss irgendwann erwachsen werden. Nein, man muss sich im Zuge dessen nicht seiner Kapazitäten für Phantasie, Träumerei und bescheuerte Ideen entledigen.

Mit seinem penetranten Bumsbeat und seinem ermutigenden Text fährt dieser Song ein Level an Poppigkeit und Eingängigkeit auf, das selbst K.haos-Prinz und Wind-Prinzessin gnadenlos in die Wüste schickt und ebenjenen in Zukunft auf jeder Setlist ersetzen sollte. Es wird niemand etwas vermissen. Im Ernst: Ich hätte nicht gedacht, dass Die unendliche Geschichte als praktisch radiotauglicher Düsterpop-Track mich dermaßen abholt, aber here we are. Dieser Song hätte um 2005 ein Level an AMVs generiert ("Drachentatze, Menschenhand"), bei dem Alexander Kaschte vermutlich durchgedreht wäre – insofern ist es vielleicht ganz gut, dass er ihn erst jetzt geschrieben hat.

Da bei Samsas Traum selbstverständlich geschlechtergerecht gemordet wird und hier nicht nur irre Seebären ihr Fett wegbekommen, dürfen wir bei Die Fratze meiner Einsamkeit dem unschönen Ende einer Beziehung beiwohnen. Neben Heut wird er umgebracht ist das hier der zweite Song, bei dem man die Inspiration, sprich den "Ich will einen Song wie ..."-Wunsch in Sound, Thema und Aufbau glasklar erkennt. Der Unterschied ist, dass Ahab innerhalb der Samsas-Traum-Diskographie ein durchschnittlicher Wald-und-Wiesen-Track ist (sorry, Ahab-Fans – es liegt an mir, nicht an euch), Blut ist in der Waschmuschel hingegen ein stone cold classic und so ziemlich über jeden Zweifel erhaben. Wie wiederholt man dieses Kunststück, ohne Bekanntes nur aufzuwärmen und ohne ein komplettes Doppelalbum zur Kontextualisierung des Songs im Rücken zu haben? Na klar: Man macht die Bedrohung greifbarer.

Wo Blut ist in der Waschmuschel sein Thema noch sehr poetisch und verklausuliert bespricht, wird hier kein Zweifel daran gelassen, was genau geschieht. Schilderungen aus der Perspektive des Täters sind immer so eine Sache, denn während sie uns einen Blick auf sein kaputtes emotionales Innenleben gewähren, laden sie natürlich auch zwangsläufig zur Identifikation und zum Sympathisieren ein. Spreche ich noch über diesen Song oder über jede Serienkiller-Doku der vergangen zehn bis fünfzehn Jahre? Der Reiz des ästhetisierten Femizids ist ein historisch lang anhaltender und obwohl meine akademische Seite mir sagt, dass das auf irgendeine Art ja nicht gut sein kann für uns als Gesellschaft, gibt es auf der anderen Seite meinen inneren Entertainment-Gremlin, der emotional komplett dabei ist, wenn begleitet vom Sound eines Flugzeugs (?) die zweite Songhälfte reinkracht, Musik und Text zunehmend eskalieren und stets aufs Neue das Bedürfnis entsteht, kurz zurückzuspulen und diesen scheißgeilen Übergang direkt nochmal zu hören. Wenn der zweite Teil der Bridge ("In mir wuchert Schweigen, ein Feuer wird entfacht") den Höhepunkt des Songs einleitet, bin ich für mindestens eine Sekunde wunschlos glücklich. Wie schon im ersten Track kann Alexander Kaschte auch hier wieder eine verlorene Seele mimen, für die jede Hilfe zu spät kommt und hat erkennbar Spaß mit dieser Rolle – und Juliane stirbt natürlich auch sehr schön, das wollen wir nicht unterschlagen. Ich bin mir bis jetzt nicht sicher, ob die kleine Hörspiel-Einlage etwas hinzufügt oder eher wegnimmt, aber nach In der Kirche des Todestrips und Der Froschkönig haben wir mit Die Fratze meiner Einsamkeit nun in jedem Fall eine amtliche Triloge von Samsas-Traum-Songs, in denen am Ende jemand abgestochen wird. Kontinuität! Am Ende kann dieser True-Crime-Podcast zum Mitsingen seine Inspiration zwar nicht toppen, kommt streckenweise aber verdammt nah ran. Da verzeiht man auch das Kalk-Text-Recycling.

À propos: Hier ist nicht der Platz dafür, aber irgendwann muss ich das Thema "Frauenfiguren bei Samsas Traum" mal größer ausrollen, denn auch auf Vota Tenebris I finden sich wieder faszinierende Kontinuitäten. Frauen sind entweder fiese Dämonen, hilflose passive Opfer oder als ultimative Cop-out-Option wahlweise extrem verkindlicht oder tatsächlich Kinder. Tineoidea ist ein Glanzbeispiel dafür und profitiert derart von einer feministischen Lesart, dass ich mich kürzlich komplett neu in das Album verliebt habe. Nein, ich möchte damit keine misogynen Absichten unterstellen, aber ich möchte darauf hinweisen, dass man sehr deutlich merkt, wie Alexander Kaschte hinter all seinem Budenzauber in vielerlei Hinsicht ein sehr typischer Dude McGuy ist, dessen (zumindest in der Kunst) gleichbleibende maskuline Perspektive sich wie ein roter Faden durch dreißig Jahre Bandgeschichte zieht. Aber kann man es ihm vorwerfen? Wir wollen ja mehr tote junge Frauen, die noch extra lange und laut schreien, bevor ihr Lebenslicht erlischt, es ist uns ein tiefes kulturelles Bedürfnis. Er drückt am Ende nur mit großer Zuverlässigkeit den Knopf, den wir ihm kollektiv hinhalten.

Der Riss in deiner Stimme hat für mich durch die peinliche Album-Promo (s.o.) ein bisschen an Power verloren, bleibt aber, wenn man sämtlichen Paratext strikt außen vor lässt, ein wichtiges und der Zeit angemessenes Stück. Neugier und Wissensdurst dürfen wir ebenso wenig verlernen wie quellenkritische Recherche, nuanciertes Analysieren und das so schwierige Aushalten von Widersprüchen. Das ist leichter gesagt als getan, denn die wiedererstarkten autoritären Kräfte, die unsere Zeit prägen, möchten uns Informationen vorenthalten und sie dauerhaft verschwinden lassen. Ob es nun um das Verbot bestimmter Bücher geht, die Austrocknung der Wissenschaftsförderung, Kürzungen bei Bildungs- und Kulturprojekten, ideologisches Auf-Spur-Bringen an verdächtig progressiv wirkenden Universitäten oder schlicht darum, uns Lösungen für antrainierte Inkompetenz zu verkaufen (das Endgame der Tech-Konzerne): All das passiert unter dem Deckmantel der "Normalität" mit einem geradezu kämpferischen Unverstand; die aktive Weigerung, Dinge zu verstehen, die dem eigenen, meist geschlossenen Weltbild nicht entsprechen, ist der Anfang vom Ende – und viele Menschen machen begeistert mit. Die kollektive Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist stark genug, dass Fakten, Forschung und gefestigtes Wissen nicht mehr sein dürfen als Hindernisse auf dem Weg zur totalen kulturellen Annihilation. Das ist historisch kein neues Phänomen, aber eines, auf das ich zu Lebzeiten sehr gern verzichtet hätte. Ich muss hier übrigens nicht einmal in grauer Theorie argumentieren oder für Anschauungsobjekte das Haus verlassen, denn ich bin eines dieser Dinge, die aus der öffentlichen Wahrnehmung entfernt werden sollen: Seitdem die Existenz von trans Menschen vor gut zehn Jahren von Rechtsaußen als Kulturkampf-Allzweckwaffe entdeckt und als Keil genutzt wurde, um als Quasi-Nachfolger der Gay Panic eine Vielzahl vormals randständiger Meinungen in die Mitte der Gesellschaft zu treiben, haben sich Aspekte wie medizinische Versorgung und Sicherheit in öffentlichen Räumen global enorm verschlechtert. Auch das ist natürlich keine brandneue Strategie: Magnus Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft war nicht umsonst so ziemlich die erste Einrichtung, deren Bibliothek von den Nationalsozialisten verwüstet und angezündet wurde.

Selbstverständlich ist Bildung kein kulturelles Allheilmittel – Belesenheit und akademische Grade schützen Menschen nicht davor, gedanklich komplett falsch abzubiegen oder stur auf irgendeinem veralteten Wissensstand hängenzubleiben. Oder sich auf schäbigste Art kaufen zu lassen, um Propaganda ein glaubwürdiges Gesicht zu verleihen. Liegt Jordan Peterson eigentlich noch im Fleisch-Koma? Liebe Grüße jedenfalls. Mein Punkt ist, dass die Message grundsätzlich funktioniert, der Song dabei jedoch in einer Polterigkeit durch das Thema marschiert, dass er nach allen Seiten die Hälfte seines Potentials fallen lässt und am Ende in einer gewissen Schwarzweiß-Deutschlehrerhaftigkeit hängen bleibt. And look, I get it. Wir leben im Zeitalter der 360-Grad-Ansagen und der einfachen, klaren Botschaften. Natürlich ist es gut, mehr zu lesen. Aber es ist eben nicht der Weisheit letzter Schluss. Welche Bücher muss man gelesen haben? Wer gibt einen wie auch immer gearteten Kanon vor? Kann er sich ändern? Darf er sich ändern? Vielleicht bürde ich einem einzelnen kleinen Song hier gerade etwas viel kulturwissenschaftliche Theorie auf, aber hey, große Themen, große Verantwortung. Ich hätte mir hier tatsächlich weniger George Orwell, weniger Ray Bradbury und dafür mehr Lemony Snicket gewünscht.

Andererseits bin ich vielleicht auch selber doof, ausgerechnet in einem Song von Samsas Traum mehr Nuanciertheit zu fordern, denn schließlich ist die Bedingungslosigkeit der Texte einer der Band-Trademarks und hatte wesentlichen Anteil daran, dass ich mich als Teenager darin wiederfinden konnte. Hier merkt man dann irgendwo auch die lyrischen Grenzen des Projekts, denn solange es ein breitbeiniges "Ich gegen die Welt" ist, funktioniert das Ganze perfekt – aber für Zwischentöne und Zweifel, außer gegen sich selbst, ist diese Band nicht gemacht. Egal. Wir haben später noch einen Song, der ein ähnliches Thema deutlich besser aufgreift und trösten uns vorerst damit.

Bring mir Licht ist ein richtig schöner Downer, und ich schreibe das mit der größten Vorsicht, die mir gegeben ist. Meine letzte suizidale Phase ist zwanzig Jahre her, aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie kuschelig es sich anfühlt, solchen Gedanken Raum zu geben – und das fängt der Sound der Songs perfekt ein. Häufig sind die Arrangements in Stücken, die sich dem Thema Freitod widmen, eher unterkühlt (ich meine, mich an einen Songtext irgendeiner Band zu erinnern, die von "kalter Einsamkeit" o.Ä. sang – es können auch verschiedene Bands gewesen sein, diese Ich-häng-mich-weg-Nummern gibt es im deutschsprachigen Gothic zu Dutzenden), aber aus meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall: Nichts, aber auch gar nichts kann der warmen Decke des nahenden Endes das Wasser reichen. Du schmust dich rein, findest es unheimlich angenehm und wartest darauf, dass du den Mut dafür aufbringst. Oder du wartest darauf, dass die Gedanken wieder verschwinden. Oder dich jemand aufhält. In jedem Fall wartest du elend lange. Der Refrain fängt dieses Gefühl perfekt ein und man merkt hier deutlich, dass jemand nicht nur ein genretypisches Thema beackern wollte, sondern aus eigener Erfahrung spricht und singt. Obwohl der Grundsound ein deutlich anderer ist, denke ich hier natürlich sofort an Tracks wie Scherenschnitt oder auch Glück und Asche, in denen verwandte Themen auf ähnlich eindringliche, teils bissig-selbstironische Art verhandelt wurden.

Textlich bin ich ein bisschen hin- und hergerissen; der Chorus funktioniert wie oben beschrieben sehr gut, erste Strophe auch super. Die zweite Strophe hat ein bisschen unfreiwillige Komik (mit dem Kopf voran in den Garten zu springen – ich sehe das Bild, aber ich wohne im Erdgeschoss und musste wirklich kurz überlegen, was man sich da groß zuziehen kann außer ein bisschen Dreck auf dem Hemd), aber auch ein bisschen freiwillige (zweitbeste Backing-Vocal-Line des Albums: "Autsch!"). Strophe Drei hatte mich dann mit dem Booklet vor der Stereoanlage sitzend, weil ich beim besten Willen nicht verstanden habe, warum er im Labyrinth die "beste Liste" finden will und nicht, wie ich es bei jedem Hören verstehe und wie es auch für mich viel mehr Sinn ergibt, "die Bestenliste". Sorry! Vielleicht fehlt mir hier die mentale Kapazität für textliches 4D-Schach, aber da stolpere ich jedesmal drüber. Dafür ist die Bridge dann wieder richtig stark. Was will man machen.


Wer schon einmal sauer genug war, um mit der sprichwörtlichen Explosion zu drohen, für den ist der nächste Track Plutonium (1.21 Gigawatt) bestens geeignet. Aber ich muss hier niemandem etwas vormachen – das sind wir alle, richtig? Ich glaube, es gibt niemanden, der diese spezifische Emotion noch nie gefühlt hat und das ist nur einer der vielen Gründe, weshalb der Song so gut funktioniert. Neben seiner sehr spezifischen Funktion als Quasi-Disstrack (längere Geschichte) brilliert er vor allem als Electro-Rock-Crowdpleaser, der mit zackigen Strophen und einem überraschend sanft intonierten Refrain (Erinnerungen an Dope Stars Inc. werden wach) eine nahezu perfekte Balance zwischen poppiger Eingängigkeit und härterer Gangart findet. Das nervöse Arrangement, bei dem Sythesizer, Gitarren und Backing Vocals abwechselnd zucken und hochkochen, unterstützt das aggressive Grundgefühl ebenso wie der panische Doc Brown im Sample und die herrlich stumpfe Bridge mit der exakt korrekt gewählten Aussprache. Das Ende der ersten Strophe ("Die Funken in den Augen, sie verraten es dir schon / Auf dich wartet die allerletzte Kettenreaktion") ist vielleicht die beste Line des Albums und gibt mir zuverlässig einen Power-Boost, wie es sonst nur ein 60-minütiges Ganzkörper-Workout schafft. Die wunderbar aggressive Lautmalerei "RA-TA-TA-TA-ZONGA", die sich durch den Song zieht und bei uns zuhause bereits ein Eigenleben entwickelt hat, beschreibt ihn besser, als tausend Worte es könnten.

Wer Samsas Traum kennt, wird wissen, dass Alexander Kaschte diese Art von "Ich bin KRASS und mach dich KAPUTT"-Song (das ist ab jetzt die offizielle Bezeichnung, don't debate me) sehr leicht von der Hand geht und dabei am Ende fast immer ein zertifizierter Klopper rauskommt. So auch hier! Gut, die zweite Strophe ist nicht ganz so stark wie die erste, was zugegebenermaßen auch schwierig ist, hat aber dafür die beste Backing-Vocal-Line der Platte ("Ich pflück dich, Bitch"). Ja, ich gehe hier ein bisschen steil mit den Superlativen, aber das ist einer von zwei Songs auf Vota Tenebris I, für die ich nichts als Liebe übrig habe und bei dem ich doppelt traurig bin, dass Live-Auftritte in der nächsten Zeit eher rar sein werden. Falls es mit Samsas Traum nichts mehr wird, sollte Alexander Kaschte über eine Zukunft im Battle Rap oder als Heel im Pro Wrestling nachdenken.

Für die Liebe ist der vielleicht unauffälligste Song auf Vota Tenebris I und das liegt nicht nur daran, dass er zwischen zwei Krachern platziert ist. Sein Miime-artiger, durchlässiger Sound ist an diesem Punkt ein erfrischender Gegenentwurf zum nahezu durchgehenden Bombast des restlichen Albums, fast schon eine Atempause, wenn da nicht das verhandelte Thema wäre, nämlich die Anwesenheit des Menschen auf dem Planeten Erde. Noch spezifischer geht es um Weltreligionen und ihren Anspruch auf Wahrheit, was für 2026 einerseits ein überraschend antiquierter Topos ist (Religionskritik ist für mich so ein Songthema der Siebziger bis vielleicht noch Neunziger), aber andererseits auch überraschend aktuell, wenn man sich anschaut, welche fundamentalistischen Kräfte in den vergangenen Jahren wieder aus dem Buschwerk gekrochen kamen.

Bewusst flach vorgetragen werden sowohl der angeekelte Befund ("Nicht einmal dieser Baum / Erträgt dich neben sich") als auch die Urteilsverkündung ("Gott hat dich nie gewollt ...") mit einer lakonischen Beiläufigkeit durchexerziert, dass man beim Hören irgendwann selbst beginnt, mit einem gewissen Schulterzucken auf die eigene Existenz zu blicken. Es ist vielleicht der Song, über den es am wenigsten zu sagen oder zu schreiben gibt, einfach weil er wie ein Fels in der Brandung steht und vollumfänglich für sich selbst spricht. Das einzige Hühnchen, das ich hier zu rupfen habe, betrifft den banal klingenden Titel, der weder stilistisch noch inhaltlich einen klaren Bezug herstellt und ein bisschen ausgewürfelt wirkt. Und dann noch so kurz nach Für dich? Und so lange nach Für immer? Für was sind wir denn noch alles? Das kann doch niemand mehr unterscheiden! Aber Spaß beiseite: Der sehr mitsingbare (mitsummbare?) Refrain hängt mir immer mal wieder im Ohr und ich schätze, damit wurde schon vieles richtig gemacht. Fällt aus dem Rahmen, aber auf die gute Art.

Es hat ein wenig gedauert, aber wir sind am Ende des Fahnenmastes angelangt. Denn trotz einiger Aufs und Abs hat dieses Album die Ehre, auf einem absoluten Highlight zu enden: Einst war ich ein Schrei ist ein Brett und an mindestens zwei Wochentagen (Dienstag und Freitag) der beste Song, den Vota Tenebris I zu bieten hat. Auch hier muss ich den Paratext wieder außen vor lassen, damit der Track nicht zu viel Biss verliert, aber im Vergleich zu Der Riss in deiner Stimme ist das dank des treibenden Arrangements und des frontal vorgetragenen Textes zum Glück deutlich einfacher.

Allzu inhaltlich explizite Songs gibt es bei Samsas Traum selten, was natürlich zu einem höheren Anteil an Evergreens führt und die Songs, die sehr in einem bestimmten kulturellen Zeitgeist verhaftet sind, lassen sich an einer Hand abzählen. Eines davon ist das berühmt-berüchtigte Es war einmal ..., das mit seinem ungezähmten und überzogenen Text zum War on Terror, der im schnellen Sprechgesang vorgetragen wird, eine absolute Ausnahmeerscheinung in der Diskografie darstellt (ja, es gibt auch noch Mein Land, aber come on). Gerade der Mangel an Feinschliff – hier wurde nicht lange überlegt, sondern drauflos getextet und eine sehr klar identifizierbare Emotion (Wut) rausgebrüllt – und diese rotzige Punk-Attitüde machen den Song bis heute so attraktiv. Als er auf der 2020er-Tour anlässlich der zweiten Trump-Amtszeit wieder ausgepackt wurde, war die Freude zurecht groß. Warum erzähle ich das? Weil Einst war ich ein Schrei in vielerlei Hinsicht dort anknüpft, wo Es war einmal ... aufgehört hat, nur halt für Deutschland und im Tempo etwas gemäßigter, im Ton jedoch ähnlich scharf. Hier wird für mich ein Gefühl auf den Punkt gebracht, das alle Menschen kennen, die im Kleinen oder Großen etwas bewegen wollen. Eine Art kämpferischer Frust, ein Unwille aufzugeben, der beherrschende Gedanke: Das soll alles sein, was mir dieses Land zu bieten hat?

Deutschland-Doomposting ist eine sehr dankbare und einfache Beschäftigung, denn auf Bundesebene werden verlässlich dusselige Entscheidungen getroffen. Wenn man hingegen ins Lokale geht und schaut, wie sich Menschen vor Ort für Demokratie, für Aufbruch, für mehr Miteinander engagieren, zeigt sich oft ein anderes, positiveres Bild. Das geht im allgemeinen Raunen schnell unter. Ich kann mich unmöglich mit einem Land identifizieren, in dem ich zufällig geboren wurde, aber ich kann mich mit Ideen identifizieren; mit Menschen, die Bock haben, etwas zu verändern und besser zu machen. Das fängt immer im Kleinen an. Und kein AfD-Wahlergebnis dieser Welt kann mir weismachen, dass es hier nichts mehr zu retten gibt (ein Optimismus, den Alexander Kaschte nicht teilt – man kann es ihm nicht verübeln). Vielleicht spricht hier die Landpomeranze aus mir, denn seit dem Umzug in die Vorstadt (bzw. for all intents and purposes: ins Dorf) nehme ich soziales Miteinander ganz anders wahr. Keine Sorge, ich komme jetzt nicht mit "Der Nazi-Nachbar ist ja eigentlich ganz nett" um die Ecke, dieser Grift ist bereits von anderen Zeitgenossen belegt. Aber ich glaube, dass man mit etwas Engagement wirklich viel bewegen und einen echten Unterschied machen kann. Die Kunst dabei ist, seine Ideale nicht zu verraten.

Das waren nun sehr viele Worte, aber sehr wenige zum eigentlichen Song. Oder doch? Dieser Track schafft es wie kein anderer, meine Gedanken zum Kreisen zu bringen. Und am Ende kann ich es nicht besser sagen, als es die Bridge auf den Punkt bringt: "Man sagt, wer schweigt, stimmt zu. / Aber manchmal schweigt man, weil man dich einfach nicht mehr hören kann."


Runde Robbe im Gruppenbild mit "Vota Tenebris I". Sie rollt fröhlich neben der CD hin und her.
Runde Robbe freut sich: eine tolle CD! Am Textverständnis arbeitet sie noch.

... und das ist es. Elf Songs, die erste Hälfte eines ambitionierten Projekts. Ein ziemlich wilder Ritt, und nach dem eher homogenen Kalk eine gleichzeitige Rückkehr zu und Abkehr von gewohnten Gefilden. Ein Album, das mich einerseits glücklich macht, denn ich weiß jetzt: Er kann es noch, wenn er will. Andererseits aber auch das Gefühl eines nicht vollständig eingelösten Versprechens, denn obwohl hier ein paar all-time banger am Start sind, spürt man bei einigen Stücken auch die angezogene Handbremse im Writing. Bei anderen spürt man zudem eine leichte Unentschlossenheit, die sich auch mit allerhand Produktions-Bombast nicht übertünchen lässt. Bei Erscheinen von Kalk und Widersacher sagte ich zu meiner Partnerin: Du, das ist, als ob man jemandem in der Reha dabei zuguckt, wie er langsam wieder laufen lernt. Mit Vota Tenebris I sind wir jetzt schon bei einem recht straffen Tempo angekommen, aber ich warte noch auf den Home Run. Für den Moment ist Vota Tenebris II noch irgendwo am Horizont, aber ich bin schon jetzt gespannt, was darauf zu finden sein wird. Und richtig gespannt bin ich darauf, welche Musik im Anschluss auf mich wartet, wenn das Fan-Wunschkonzert abgefrühstückt ist und neue Song-Ideen wieder vollständig und ausschließlich in Alexander Kaschtes Kopf entstehen.

Man kann dieses Album jedoch nicht besprechen, ohne den immer kleiner werdenden Elefanten im Raum zumindest zu erwähnen: Als ich mich im ersten Absatz als eine von dreißig verbliebenen Fans bezeichnete, war das nur minimal übertrieben. Samsas Traum waren bereits wenige Jahre nach dem Release des Debüt-Albums Die Liebe Gottes eine feste Instanz im deutschsprachigen alternativen Raum und darüber hinaus. Bis einschließlich a.Ura und das Schnecken.Haus jedes Jahr ein Banger-Release. Die Band war beliebt. Wir wissen natürlich alle, was dann passierte: Eine lange Reihe von Statements in allen möglichen Print- und Online-Formaten, die in einem Labor dafür designt wurden, der eigenen Fanbase breitestmöglich ans Bein zu pissen. Und ich meine damit nicht nur die Ära von Heiliges Herz (obwohl die sicherlich am stärksten damit assoziiert wird), sondern auch nahezu alle Interviews und sonstige Promo-Maßnahmen von kurz nach früher bis jetze. Ich ruhe ausreichend in mir, um nicht auf jede billige Provokation und jeden launigen Spruch sofort anzuspringen, aber ich weiß auch, dass die meisten Menschen da anders gepolt sind und Dinge durchaus sehr schnell sehr persönlich nehmen. Gerade in Zeiten, in denen das Geld bei Plattenlabels alles andere als locker sitzt, sofern sie denn überhaupt noch welches haben, muss man sich also fragen: Will ich Hörer*innen? Will ich Fans? Will ich eine Zukunft in der Musik? Wie viele Menschen, die mich unterstützen, kann ich noch auf die eine oder andere Art verprellen, bis niemand mehr übrig ist? Wer die Samsas-Traum-Fanbase kennt, wird selbstverständlich nachvollziehen können, warum man diese Leute dringend loswerden möchte – aber von irgendwas muss man ja leben.

Pessimisten würden sagen: Es ist bereits zu spät, der Zug ist abgefahren. Ich sage: Pustekuchen. Aber ich weiß auch, dass es Alexander Kaschte, so umgänglich er insgesamt mittlerweile geworden ist (und das ist er), nach wie vor nicht möglich ist, an der richtigen Stelle nicht das unglücklichste Statement rauszuhauen, das man sich vorstellen kann. Und das ist ein Problem, denn diese Art des performativen Polterns hat ihren Charme schon lange eingebüßt und ist mittlerweile eher eine Altlast. Es gibt ja Gründe, weshalb das mittlerweile zwanzig Jahre alte Arschloch-Etikett nach wie vor so bombenfest sitzt: Den Mann, der hundert Brücken baut und eine Ziege fickt, wird man nicht den Brückenbauer nennen.

Während es bei Vota Tenebris I durchaus Bemühungen gab, das Album in der (relativen) Breite zu bewerben, fühlte es sich an manchen Tagen auch so an, als fände er es irgendwie ganz okay, wenn der letzte Fan endlich abhaut, damit er diesen ganzen Kram nicht mehr machen muss. Und ich verstehe das Bedürfnis: Immer, wenn Alexander Kaschte wieder einmal groß ankündigt, in Zukunft einen ganz anderen Sound verfolgen zu wollen, wippe ich bereits aufgeregt auf dem Stuhl angesichts der unglaublichen Möglichkeiten, die andere Genres für ihn bereithalten. Allerdings wird es dann am Ende oft gar nicht so anders wie zunächst angedroht und ich bin mir dann nie sicher, ob hier kommerzielle Abwägungen im Spiel waren oder ob er einfach nicht aus seiner Haut kann und am Ende ganz natürlich immer wieder bei derselben musikalischen Ikonografie landet. Die Fans werden in jedem Fall nicht jünger oder musikalisch flexibler – ich bin dennoch der festen Überzeugung, dass es eine nachwachsende Generation von Liebhaber*innen alternativer Musik gibt, die nur darauf wartet, diesen abgefahrenen Klangkosmos zu entdecken. Samsas Traum ist nach wie vor unheimlich attraktiv für junge Menschen. Niemand sonst macht das, was er macht. Meine steile These: Jede zweite Person, mit der ich beispielsweise auf einem sehr schnell ausverkauften Mia-Morgan-Konzert stehe, ist theoretisch ein Samsas-Traum-Fan und weiß es nur noch nicht. In der Praxis wird man diese Gruppe mit onkeligem Boomer-Posting auf Facebook (und, ja, Instagram) nicht erreichen. Dieses Dilemma ist keines, mit dem ich mich als Fan befassen muss (der gesamte Blog-Post ist übrigens, trotz aller Sternchen und Fußnoten, uneingeschränkt als Samsas-Traum-Propaganda zu verstehen), aber eines, für das Alexander Kaschte früher oder später eine Lösung benötigt. Bei seinen aktuellen Plänen, verstärkt für Filme, Games oder andere Bands zu komponieren, wünsche ich ihm unironisch viel Glück (real talk: ein Character Action Game mit Kaschte-Soundtrack würde gottlos abgehen) und bin gespannt, was dabei rumkommt. Aber ich mache mir auch Sorgen, eben weil er es drauf hat und deutlich mehr reißen könnte, es aber stattdessen bevorzugt, sich alle drei Meter selbst ein Bein zu stellen.

FUN FACT: Dieser Text sollte ursprünglich zum Release des Albums am 26.6. erscheinen. Das ist, wie man unschwer erkennen kann, nicht passiert und hat vor allem damit zu tun, dass sich meine Meinung zu einigen Tracks immer mal wieder geändert hat und ich keinen Schnellschuss mit oberflächlichen Ersteindrücken veröffentlichen wollte. Auch Intro und Outro wurden immer länger und entwickelten eine Art Eigenleben, vielleicht auch als Reaktion auf die wirklich lieblos hingerotzten Rezensionen, die man im Internet sonst so findet. Seht es mir nach! Wenn man über Alexander Kaschte schreibt, übernimmt man anscheinend auch direkt seine Arbeitsweise – und es ist schon bezeichnend, dass ausgerechnet ein ellenlanger Text über Samsas Traum sowohl den Launch dieses Blogs als auch die Fertigstellung von mindestens vier anderen halbfertigen Beiträgen über Monate hinweg verzögert hat. Die Katze kriegt sie wirklich alle.

Glücklicherweise erlaubt es mir diese Verzögerung, noch ein paar Extra-Beobachtungen einzuschieben, insbesondere zum Auftritt auf dem NCN Festival am 5. September 2026. Dort wurden ganze vier Songs von Vota Tenebris I dargeboten, was nach der fast völligen Abwesenheit von Kalk-Songs auf der Kalk-Tour sowie der allgemeinen Gleichförmigkeit von Samsas-Traum-Setlists in den vergangenen fünf Jahren als positive Überraschung durchgeht. Mit Für die Liebe, Einst war ich ein Schrei und Der Riss in deiner Stimme wurde das Set eröffnet und ich hatte das Gefühl, dass das Publikum sie durchaus positiv angenommen hat. Leitstern zählt technisch gesehen ebenfalls zu den neuen Songs und war ... auch da! Anschließend ging es direkt in einen Best-Of-Teil über, der für Festivals sicherlich irgendwie obligatorisch ist. Positiv anmerken möchte ich hier die Abwesenheit von Heiliges Herz – ich liebe den Song auf dem gleichnamigen Album, gerade nach dem Buildup von Im Auge des Sturms, aber der Live-Version fehlt immer ein bisschen der Drive. Den Abschluss bildete dann eine sehr kleine Sektion Weena Morloch, für die ich mich extra in blutige Schale geworfen hatte. Eigentlich war es für mich sogar der einzige Grund, überhaupt auf dem (von meinem Wohnort sehr weit entfernten) Festival aufzuschlagen. Das Mädchen aus dem Jenseits ist wieder da? Count me the fuck in! Nachdem ich bei den ersten kratzigen Tönen von Der Grammophon-Song direkt ein bisschen eskalierte, ging es mit Die Nacht der stumpfen Messer und Kaputt! direkt sehr energisch weiter. Ich wartete natürlich auf Wasser, den vielleicht charakteristischsten Weena-Morloch-Track, aber nope – das war's. Kugel, Ende. Kurz vorm Höhepunkt aus dem Bett gesprungen und fluchtartig das Schlafzimmer verlassen. Danke für den Versuch jedenfalls. Ich werde an anderer Stelle noch darlegen, warum Weena Morloch für mich so wichtig war und ist, aber trotz dieses gewaltigen Edgings war es ein gelungener Auftritt. Weitere sind für die nahe Zukunft nicht geplant, aber als Veteranin der Abschiedstour 2011 weiß ich natürlich: Never say never. Die Auswahl der live dargebotenen neuen Tracks ging dabei, wenn man den aktuellen Interviews glauben darf, durchaus nach persönlicher Präferenz: Weniger Metal, mehr Groove und Beat. Wenn hier also die Richtung für die unmittelbare musikalische Zukunft vorgegeben wird, bin ich damit absolut glücklich – wenn auch potentiell in der Minderheit.

Mein Weena Morloch Cosplay für das NCN Festival 2026.
Vom Original kaum zu unterscheiden!

Manche werden diesen langen Post nun lesen und denken: Es zeugt doch von einem gewissen Masochismus, dass ich dieses Musikprojekt nach 22 Jahren noch immer begeistert verfolge. Da ist etwas Wahres dran. Aber ich glaube eben auch, dass Samsas Traum noch zu extrem starken Platten in der Lage sind, wenn die Sterne richtig stehen. Es sind halt ... sehr viele Sterne. Bis dahin ist Vota Tenebris I ein starkes Album irgendwo zwischen Comeback und Selbstbehauptung, dessen Unebenheiten hauptsächlich daher rühren, dass nicht jeder Fan-Wunsch gleich viel hergibt.

Versteht mich nicht falsch: Ich will, dass dieses Album und sein Nachfolger (sowie alle Alben danach) ein Erfolg werden, denn ohne ausreichenden Bekanntheitsgrad des Projekts Samsas Traum wird nie jemand auf die Idee kommen, den längst überfälligen Solas-Edit zu Ich, dein Wolfsblut zu schneiden und auf YouTube oder Instagram oder TikTok hochzuladen. Ich kann mich nicht um alles kümmern!

Freund*innen physischer Tonträger können konnten Vota Tenebris I hier erwerben. Auf Amazon gibt es aktuell noch ein paar Exemplare.

Disclaimer: Ich habe eine Song-Patenschaft für das Nachfolge-Album Vota Tenebris II übernommen und bin somit finanziell in die Sache involviert – aber nicht auf eine Art, bei der ich was gewinnen kann (außer geile neue Songs natürlich). Der Vollständigkeit halber erwähne ich es hier trotzdem.